Weitere Studie: Wald- und Weidewirtschaft schlechter fürs Klima als angenommen

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Holzstämme und Rinder auf der Weide

Keine sichere Kohlenstoff-Bank fürs Klima: Forst- und Weidewirtschaft

Nachdem im vergangenen Oktober bereits die Meta-Studie „Grazed and confused“ des Food Climate Research Network (FCRN) unter der Leitung von Dr. Tara Garnett der Weidewirtschaft einen schlechten Leumund für den Klimaschutz ausstellte, machten nun auch österreichische Forscher und Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals „Nature“ ähnliche Aussagen.

Ihnen zufolge sei nicht nur die Abholzung von Wäldern und die Versiegelung von Grünland für eine Verschlechterung der Treibhausgas-Bilanz verantwortlich, sondern auch vermeintlich nachhaltige, i.S.v. vermeintlich klimaneutrale Formen der Landnutzung wie Wald- und Weidewirtschaft. Menschliche Aktivitäten hätten die Kohlendioxid-Menge, die natürlicherweise durch Vegetation auf diesen Landflächen gebunden würde, um etwa die Hälfte reduziert.

In einer theoretisch gedachten Welt ohne menschliche Aktivität würde durch Landpflanzen eine Menge von 916 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gebunden werden, so der Ausgangspunkt des Forschungsteams um Karlheinz Erb vom Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria Universität Klagenfurt in Wien. Ihren Berechnungen zufolge sei aktuell jedoch nicht einmal halb soviel in globaler pflanzlicher Biomasse gespeichert, genau genommen nur ca. 450 Milliarden Tonnen.

Den Autoren zufolge würden ca. 53 bis 58 Prozent dieses fehlenden Kohlenstoffspeichers auf Landnutzungsveränderungen wie Abholzung von Wäldern und deren Umwandlung zu Grün- und Ackerland, aber wiederum auch durch Bodenversiegelung als Folge des Straßen- und Städtebaus zurückzuführen sein. Bislang wurde dieser Posten offenbar nie genau beziffert, aber es habe immerhin einen allgemeinen Konsens über die etwaige Größenordnung gegeben.

Was man bisher jedoch nicht wusste ist die Tatsache, dass die Forst- und Weidewirtschaft für knapp weniger als die andere Hälfte des fehlenden Kohlenstoffspeichers verantwortlich sei, nämlich zwischen 42 und 47 Prozent. Davon seien wiederum zwei Drittel der Forstwirtschaft und etwa ein Drittel der globalen Weidewirtschaft zuzuschreiben. Die Größe dieses Effekts resultiere u.a. daraus, dass weite Teile der globalen Landflächen davon betroffen seien, ca. 55 Prozent davon sind laut FAO (2015) Wald oder Grünland. Auch konnte man im Rahmen der Studie nachvollziehen, dass der Effekt weitaus älter ist, als bislang angenommen und große Mengen des theoretischen Kohlenstoffspeichers bereits vor der Industrialisierung, also bereits vor dem Jahr 1800, verloren gingen.

Bislang wurden Forstwirtschaft und die Beweidung von Grünland in globalen Klimaszenarien als verlässliche Kohlenstoff-Senken betrachtet, der Ackerbau hingegen wird mittlerweile davon ausgenommen. Das Forscherteam geht nun davon aus, dass man die erstere Zuordnung drastisch falsch eingeschätzt hätte und die negativen Effekte dieser Landnutzungsformen in globalen Klimabilanz-Modellen und -berechnungen kaum korrekt berücksichtigt habe. Nun bestehe jedoch die Grundlage für eine Neueinschätzung, zusammen mit der Erkenntnis, dass die Wirkung von Forst- und Grünland als Senken weitaus geringer ausfallen, als sie theoretisch sein könnten.

Hinsichtlich des Klimaabkommens von Paris, in dem u.a. auch festgelegt wurde, die Klimaziele unter dem Stichwort „carbon capture and storage“ durch verstärkte Biomasse-Nutzung zu erreichen, ergebe sich im Licht dieser Erkenntnisse nun „entscheidende Zielkonflikte“. Zwar sei es positiv zu bewerten, dass fossile Energieträger durch z.B. nachwachsende Rohstoffe ersetzt würden, andererseits würde dieser Anbau eben wiederum mit Treibhausgasemissionen verbunden sein, denn „es ist nicht legitim anzunehmen, das verdeutlichen unsere Ergebnisse, dass Biomassenutzung in jedem Fall klimaneutral ist“, so Erb.

Auch weise die Studie auf große Datenlücken hin, die bezüglich der Bewertung von Landnutzungsformen bestehen. Aufforstungsmaßnahmen, insbesondere in tropischen Regionen, seien bislang die einzigen abgesicherten und verlässlichen Instrumente zur Biomasseerhöhung, auch wenn die Überprüfung dieser Effekte durch viele Faktoren erschwert würde. Erb stellt daher abschließend fest: „Unsere Studie zeigt, dass Landnutzungsstrategien zur Bekämpfung oder Abschwächung des Klimawandels ein sehr besonnenes und vorsichtiges Vorgehen brauchen. Simple, allzu simple Strategien können leicht nach hinten losgehen, oder aufgrund der großen Unsicherheiten mehr Schaden als Nutzen anrichten.“

Für das Bio-Vegane Netzwerk für Landwirtschaft und Gartenbau stelle ich im Kontext erstgenannter, dieser und einer bereits ca. einen Monat zuvor veröffentlichten Forschungsarbeit des Instituts für Soziale Ökologie der AAU zum Potenzial des Ökolandbaus, aber auch früherer Szenarioforschungen zu Ernährungsstrategien und deren Wirkung auf die globale Waldsituation desselben, sowie des neuen Fleischatlases 2018 der Heinrich-Böll-Stiftung darum auch fest, dass der Öko-Landbau unter der Prämisse des Klimaschutzes seine Strategien bzgl. der Bedeutung der Weidetierhaltung überprüfen muss und gut daran tut, einerseits pflanzenbauliche Diversifizierungsstrategien (Stichwort: Agroforst-Systeme) unter „vieh“losen oder vieharmen Rahmenbedingungen stärker ins Auge zu fassen und andererseits „weniger Fleisch, Milch und Eier, dafür mehr pflanzliche Alternativen“ – unabhängig von ebenso wichtigen tierethischen Argumenten – als wesentlichen Teil seines Kernparadigmas zu verinnerlichen.

Zur Pressemitteilung:
https://www.aau.at/blog/globale-treibhausgasemissionen-der-wald-und-weidewirtschaft-viel-groesser-und-aelter-als-bisher-angenommen/

Zum Nature.com-Artikel:
https://www.nature.com/articles/nature25138

Zur Medienliste von Artikeln, die die Studie behandeln:
https://www.nature.com/articles/nature25138/metrics

 

Autor*in des Artikels: Daniel Mettke

Dipl. Ing. (FH) für Ökologische Landwirtschaft und seit ca 2003 aktiv im BVN. Ich bin aktiv für bio-veganen Anbau und blogge auf biovegan.org über Aktivitäten des BVN und nahestehende, landbaubezogene Themen.

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