Was macht das Landleben (un)attraktiv? Welche Perspektiven gibt es?

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Anlass für diesen Artikel ist das NDR-Thema der Woche: Zwischen Landlust und Landfrust, wo es unter anderem um das Aussterben der Dörfer geht. Das wiederum führt zu solchen Maßnahmen wie dem Verschenken von Baugrundstücken.
In diesem Beitrag beleuchte ich – auch aus eigener Erfahrung, was das Leben auf dem Lande für Menschen mit Interesse an einer nachhaltigen Lebensweise (un)attraktiv macht. Anschließend geht es um Möglichkeiten, sich aktiv in die Gestaltung des ländlichen Raumes einzubringen, beziehungsweise Zuzugswillige und Alteingesessene in die Dorfgestaltung mit einzubeziehen.

Die Landflucht hält an, heißt es. Die Sehnsucht nach dem Landleben – nach der Idylle, wie sie von zahlreichen Hochglanzzeitschriften beworben wird, indes bleibt. Die Luft sei auf dem Dorf besser, es gäbe viel Natur …

Ist die Luft auf dem Land tatsächlich besser?

Vergiftete Weihnachtsbäume

Trügerische Gartenidylle. Gleich dahinter: totgespritzte Wildkräuter zwischen jungen Weihnachtsbäumen (Ottenstein 2015). Das Land macht krank, dank Totalherbiziden wie Glyphosat.

Ich lebe inzwischen an der Nordsee und meine Atmung funktioniert prima. Ich erinnere mich aber noch an asthmatische Zustände in dem Dorf Ottenstein, in dem ich aufgewachsen bin. Es heißt, auf dem Land aufzuwachsen schütze davor, allergisches Asthma zu entwickeln, wegen der frühen Kontamination mit Keimen. Allerdings gibt es auch nicht-allergisches Asthma, das durch Pestizide verursacht wird. Und dass die Keime auf dem Land heute auch nicht mehr das sind, was sie mal waren, zeigen die Berichte über antibiotikaresistente Keime, die sich über die Schlote und Gülle von Mastanlagen verbreiten.

Gibt es auf dem Land im Norden tatsächlich noch viel Natur?

Je älter ich wurde, um so mehr schwanden in Ottenstein die Heckenreihen zwischen den Feldern. Monokulturen und Pestizide machten der Artenvielfalt den Garaus und Wiesen wichen Maisfeldern.

Wie habe ich mich gefreut, als ich letztens einmal wieder in Ottenstein spazieren ging und an einem Wegesrand zwischen den Feldern des einzigen Biobauern junge Neuanpflanzungen unterschiedlicher Gehölze entdeckte. Ein Lichtblick!

Allerdings wurde in dem Dorf vor kurzem erst die dritte Schweinemastanlage gebaut. Gerade Niedersachsen ist bekannt für die große Zahl an Mastanlagen – wer möchte in deren Nähe schon leben? Nicht einmal Leute, die diese armen Tiere essen.

Baugrundstücke zu verschenken

Baugrundstücke mit Blick auf Tierfabriken

Keine schönen Aussichten! Baugrundstücke in Ottenstein mit Blick auf Kuhstall und Schweinemastanlagen.

Ottenstein, das ist übrigens eines der Dörfer, die auszusterben drohen. Dagegen ergreift die Gemeinde aktuell eine Maßnahme, die es wohl bislang noch nicht gab: sie verschenkt Baugrundstücke – vorzugsweise an junge Leute mit Kindern oder Kinderwunsch. Diese Nachricht eilt gerade wie ein Lauffeuer durch mein soziales Netzwerk. Die Begeisterung schwand bei einigen Interessierten allerdings sogleich, als ich den neuen modernen Groß-Kuhstall und die Schweinemastanlagen erwähnte, der sich unweit der Baugrundstücke befinden.

Sind es tatsächlich (nur) fehlende Kultur oder berufliche Perspektiven, die zur Landflucht führen?

In meinem Bekanntenkreis gibt es zahlreiche Do-it-yourself-Menschen, sei es in technischer oder kultureller Hinsicht – darunter sind Selbstversorger*innen, Künstler*innen und Kunsthandwerker*innen, Menschen also, die wie geschaffen sind, auf dem Land zu leben und das auch wollen, für die Landleben aber bedeutet, in einer gesunden Natur ohne Tierausbeutung zu leben, die einen nachhaltigen veganen Lebensstil anstreben. Es gibt zahlreiche Menschen die als Selbständige Unikate herstellen und versenden. Die brauchen nur eine Poststation im Dorf, alternativ einen gut organisierten Fahrdienst.

Nur wer will schon leben, wo landwirtschaftlicher Raubbau betrieben wird und Tiere derart behandelt werden? Nehmen wir Esplingerode zum Beispiel. Das Dorf, das bald weniger als 100 Einwohner*innen haben könnte, war der Themenbeitrag am Montag. Schaue ich bei Google Maps, dann sehe ich in dem kleinen Örtchen drei Mastanlagen – für mich ein klares Ausschlusskriterium.
Und Ottenstein? Abgesehen von den drei Mastbetrieben* hat der Ortsteil Glesse schlecht von sich Reden gemacht, weil die Chefs des dort ansässigen „Frischkäsewerkes“, von dem in der Ausschreibung als potentieller Arbeitgeber die Rede ist, die größte Ziegenfabrik Europas bauen wollten – wer will da dazu gehören?
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* (Ergänzung 05.10.2015): Außerdem ist ein Mega-Kuhstall für 600 Tiere derzeit im Gespräch und kann hoffentlich abgewendet werden.

Veränderung als Chance sehen – Eigeninitiative ist gefragt

Ulrich Harteisen, Professor für Regionalmanagement, gibt in einem interessanten Beitrag Tipps zur Dorfgestaltung. Er regt zur Eigeninitiative an und empfiehlt die Zuhilfenahme von „Dorfmoderationen“, um aktive Menschen zu unterstützen, denn wichtig sei auch die Unterstützungsleistung des Staates, dem hierzu verschiedene Instrumente zur Verfügung stehen.
So eine Maßnahme war in Ottenstein im Jahr 2004 die sogenannte „Agrarstrukturelle Entwicklungsplanung (AEP)“, der Vorläuferin des heutigen Regionalmanagements (ReM).

Ich bin der Einladung zur Teilnahme an der AEP im Postkasten gefolgt. Im Gepäck hatte ich auf drei A4 Seiten meine eigene kleine Zukunftswerkstatt zur Gestaltung eines gemeinschaftlichen Bio(top)Gartens mit einer Kurzbeschreibung des Projektes, einer Beschreibung des Nutzens, den es der Gemeinde bringen würde und einem Ausblick, was alles dafür zu tun wäre.*
Zwar stieß das Projekt unter den Mitdörfler*innen mit ihren heterogenen Interessen nicht gleich auf höchste Begeisterung. Dennoch kam ein Gespräch mit unserem Biobauern zustande, durch das ich in der Folge den Teil eines Kartoffelackers nach meinen Vorstellungen bestellen konnte. Gemeinsam haben wir eine Hecke angelegt und in den folgenden sechs Jahren bewirtschaftete ich dort meinen ersten Garten. Sicher braucht es nicht unbedingt solche staatlichen Maßnahmen, um an ein Stück Land zu kommen, aber auf diese Weise zeigte sich vielleicht – ob für mich oder für ihn, der das Land zur Verfügung stellte, wie ernst es mir damit war.

Mit diesem Beispiel möchte ich Mut machen, Kontakte zu knüpfen, an die Gemeindevorsteher*innen heranzutreten oder an solchen Regional-Entwicklungsmaßnahmen teilzunehmen.

Aufruf zur Neugestaltung

Waldgarten Allmende in Verden

Dass Landflächen auch vielfältig und artenreich, nach bio-veganen Kriterien gestaltet werden können, zeigt der Verein Allmende e.V. – Gemeinschaftlicher Waldgarten in Verden (Aufnahme 2009).

Wo sind die aufgeschlossenen Dorfbewohner*innen und Gemeindevorsteher*innen, die Land für angehende bio-vegane Selbstversorger*innen und landwirtschaftliche Initiativen zur Verfügung stellen möchten – ob mit oder ohne Kinder, ob für Gemeinschaften oder Einzelpersonen? Wo sind die Landwirt*innen, die auf bio-veganen Landbau umstellen wollen? Wie wäre es mit Lupineneis statt Ziegenkäse? Wo sind die, die eine Chance in der Veränderung sehen? Die Bewohner*innen von Heckenbeck zeigen, wie Stadtleute mit Landlust und Alteingesessene zusammenkommen und das Dorfleben neu gestalten können.

Wo sind die angehenden bio-veganen Selbstversorger*innen, Solidarischen Landwirtschafts-Initiativen, Veganer*innen mit Landlust?

Nutzt die Kommentarfunktion und vor allem unser Forum, um euch zu vernetzen!
Stellt euch dort vor und beschreibt eure Gesuche oder Angebote. Vernetzt euch auch auf Facebook mit uns und beteiligt euch an der NDR-Diskussion.

Welche Maßnahmen zur ländlichen Mitgestaltung sind euch noch bekannt?


* Bei Interesse an meinem Bio(top)Garten-Konzept von 2004 schreibt mir gern.

Autor*in des Artikels: Silke

Ich würde meine Grundnahrungsmittel künftig gern von einem Bio-Hof oder einer SoLawI aus der näheren Umgebung beziehen, der/die ohne Tierausbeutung wirtschaftet. Da dies gegenwärtig nicht möglich ist, setze ich mich als "frustrierte Verbraucherin" für die bio-vegane Landwirtschaft ein und gärtnere darüber hinaus seit 2003/2004 nach bio-veganen und permakulturellen Gesichtspunkten zur (Teil-)Selbstversorgung - zuletzt auf Sandboden (Geest) an der Nordsee nahe Cuxhaven. Bestandteile sind Obstbaumlebensgemeinschaften, ausdauernde Gemüse-, Obst- und Kräuterstauden, Intensivsegmente (einjährige Gemüse in Reihenfruchtfolge und Mischkultur) und Wildtierschutz/-gemeinschaft. Seit Frühjahr 2015 blogge ich über meine Gartenaktivitäten und -erlebnisse auf https://veganer-garten.de

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3 Kommentare zu “Was macht das Landleben (un)attraktiv? Welche Perspektiven gibt es?

  1. Hallo,

    mit großem Interesse habe ich den Beitrag im NDR verfolgt.
    Das Thema interessiert mich schon sehr lange.
    Unabhängig von Bio oder Vegan,was für mich zwar auch eine Rolle spielt,aber bei dem Thema zunächst weniger.
    Die prmäre Frage ist für mich,wie kann ich ländliche Strukturen für junge Menschen
    attraktiv gestalten,wenn sie es nicht einmal für ältere Menschen sind,welche doch zumeist wesentlich geringere ansprüche haben um eine gewisse zufriedenheit zu erlangen.
    Hier sind die Themen,gesundheitliche Versorgung,versorgung mit Dingen des täglichen Lebens wie Lebensmittel,Geld,Post und Hilfe im Alltag bei kleineren Problemen.Kultur ist dort wohl eher skundär zu sehen und spielt sich auf der Ebene der Begegnung ab.
    Strukturen für junge Familien zu schaffen,die über Jahrzehnte ausgestorben sind oder nie da waren,wie Schulen,Kitas,Schwimmbäder etc.ist finaziell kaum zu schaffen.
    Man sollte sich auch mal Ideen bzw.Strukturen im Ausland anschauen,in denen es deutlich besser läuft,wie z.B.Schweden.
    Dort wurde der Focus aber schon immer etwas anders gelegt.
    Ideen habe ich eine ganze Menge,aber das sprengt hier den Rahmen.

    • Sicherlich, das Thema ist faccettenreich und ich habe es hier etwas eingegrenzt. Das „Vorurteil“ auf dem Lande sei es ruhiger z.B. habe ich bewußt ausgeklammert, sonst wäre ich nicht fetig geworden 😉
      Ich habe mir eben auch nochmal die späteren Beiträge etwas angesehen und stelle fest, dass sehr viel irgendwo abgeguckt und der Focus zu sehr auf Vergnügungseinrichtungen gelegt wird (Schwimmbäder, Wohnmobilstellplatz …). Am wichtigsten finde ich aber für Gemeinden, die wieder wachsen wollen zu gucken, welche Menschen wollen denn gern (wieder) auf dem Land leben? Dabei braucht es ja nicht nur um Menschen mit Kindern gehen, es gibt ja auch noch die Mittelalten, die genug von der Stadt haben und wieder zurück aufs Land wollen – die Rückzugswilligen. In einem jugendlichen Alter ist die Stadt sicherlich interessanter und es gibt so eine Schwemme, wie von Ulrich Harteisen beschrieben. Genauso kann es Schwemmen in die andere Richtung geben, wie das Beispiel Heckenbeck zeigt, bei dem ein paar Städter anfangen und andere nachziehen. Vielleicht reicht manchen Stadtgärtner_innen das Urban Gardening bald nicht mehr und sie wollen mehr Fläche zum Gärtnern. Die Stadtgärten sind eine Möglichkeit, sich auszuprobieren. Kommen Bedürfnisse wie Ruhe, Natur und Gemeinschaftsleben dazu, lassen sie einige aufs Landleben blicken. Ich erlebe in meinem sozialen Netzwerk viele Menschen mit solchen Ambitionen.

  2. Ich habe soeben in dem Beitrag noch zwei Fotos ergänzt, bzw. das erste ausgetauscht – es zeigt, wie hemmungslos mit krankmachenden Totalherbiziden wie Glyphosat umgegangen wird.

    Gestern lief eine erschütternde Dokumentation über Glyphosat. Sie ist noch bis 17.08.2015 anzusehen: Tote Tiere kranke Menschen.

    Das ‪#‎Totalherbizit‬ wird nicht nur vor der Aussaat, sondern auch über das fast reife Getreide gesprüht, damit die Pflanzen absterben und eine Art Notreife einsetzt – bzw. alle Körner gleichzeitig reif sind. Folglich sind auch konventionelle Backwaren damit kontaminiert.

    Ein Schweinezüchter hat die ‪#‎Glyphosatwerte‬ im Futter gemessen und beobachtet erhöhte Missbildungsraten bei den Ferkeln mit steigenden Werten im Futtergetreide. Als er sich Bilder von missgebildeten Kindern, die in den Hauptanbauregionen von Gensoja für die Futtermittelindustrie in Argentinien leben, ansieht, meint er dass es genau die gleichen ‪#‎Missbildungen‬ sind, die er auch bei seinen Ferkeln sieht.

    Auch ‪#‎Botulismus‬ wird auf hohe Glyphosatgehalte in den Tieren zurückgeführt. Die Erreger kommen im Grunde überall in der Natur vor und können von einem intakten Immunsystem bekämpft werden. Durch ‪#‎Glyphosat‬ im Körper vermehren sich aber die schädlichen Bakterien: Die guten Bakterien im Darm die die Krankheitserreger wie ‪#‎ClostridiumBotulinum‬ in Schach halten, sterben durch das Gift ab.

    Seit 1996 hat die Menge der verwendeten Pestizide um mehr als 800% zugenommen.

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