Tierhaltung ist ökologisch nicht notwendig

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Offener Brief des BVN in Reaktion auf den Öko-Faktencheck auf 3sat

Sehr geehrter Herr Wittig,
sehr geehrtes 3sat-Redaktionsteam,

in Ihrem Öko-Faktencheck zeigen Sie interessante Vergleiche zwischen industrieller und ökologischer Landwirtschaft auf. Erstaunt hat uns allerdings Ihre letzte These, in der Sie behaupten, eine Halbierung des Fleischkonsums sei ökologisch sinnvoll, völliger Fleischverzicht hingegen sei nicht ökologisch. Entsprechend irritierend fanden wir auch Ihre Begründungen dafür:

1. „Die Verbindung von Ackerbau und Viehzucht gehört zu den Idealen der ökologischen Landwirtschaft.“

Es ist in der Tat so, dass eine Kombination von Tierhaltung und Ackerbau in einem Betrieb eine Grundidee des ökologischen Landbaus war, um im Zuge eines immer stärkeren Spezialisierungszwangs eine höhere Unabhängigkeit der Betriebe von zugekauften Betriebsmitteln zu gewährleisten. Allein, vielfach gepriesene Ideale geben noch keine Erklärung ab. Ein einstiges Ideal bedeutet nicht, dass sich nicht auch der Ökolandbau weiterentwickeln muss, und es schließt nicht aus, dass nicht ökologisch wesentlich sinnvollere Weisen der Betriebsführung denkbar sind. Mittlerweile ist doch weithin bekannt, dass es sich bei der Behauptung, Tierhaltung sei für einen geschlossenen Betriebskreislauf notwendig, um ein fest verwurzeltes Dogma handelt, das sowohl durch die landwirtschaftliche Praxis als auch von verschiedenen Wissenschaftler_innen längst als solches entlarvt wurde.

2. „Futterpflanzen werden von Rindern zu Fleisch und zu kostbarem Naturdünger veredelt“

Der Nährstoffgehalt eines Kilos Rindermist ist im Vergleich zur dafür benötigen Futtermenge sehr gering.
Der Großteil der Nährstoffe wird für Muskelkraft, Bewegung und Wärmehaushalt des Tieres und für den Aufbau der Körpersubstanz (inkl. Milch) verbraucht. Mit Fleisch und Milchprodukten wird also der Großteil der Nährstoffe dem Betriebskreislauf entzogen – von geschlossenem Kreislauf kann also keine Rede sein.

Die Futterpflanzen sind oft Leguminosen, welche den Boden mit Stickstoff anreichern. „Vieh“lose und bio-vegane Betriebe nutzen eben diesen Effekt, indem sie leguminosenhaltige Gründüngung auf einem Teil der Flächen anbauen. Statt den Aufwuchs zu verfüttern, können Beete/Anbauflächen damit gemulcht oder Kompost daraus bereitet werden, der im Gegensatz zu Frischmist weder triebig wirkt, noch von Auswaschung bedroht ist.

Die bio-veganen Düngemethoden von Gründüngung, Kompost und Mulchwirtschaft werden in Ihrem Bericht einfach vernachlässigt – als wäre Mist der einzige Dünger.

Offenbar wollen Sie aber die Öko-Tierhaltung keinesfalls in ethischer Hinsicht überschattet sehen, sonst hätten Sie, da Sie ja die Notwendigkeit tierlicher Dünger (Mist) so hervorheben, auch die große Palette möglicher Produkte aus Schlachtabfällen aufzählen können, die laut EU-Ökoverordnung zur Anwendung kommen (Feder- und Haarpellets, Blut-, Knochen-, Fleisch-, Fischmehl, Hornspäne etc.).

3. Vollkommener „Fleischverzicht ist unökologisch“

Nicht nur seitens vegetarischer und veganer Initiativen und Verbände wird immer wieder aufgezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Sie können sich bei diesen – im Allgemeinen unter der Rubrik „Umwelt“ – gern selbst informieren.

Zudem erschien im Juni auf geo.de ein Interview mit dem Wissenschaftler Kurt Schmidinger zum Thema „Fleischkonsum und Klima“. Der Mitautor einer Studie der Universität Wien, die in der Fachzeitschrift „International Journal of Life Cycle Assessement“ veröffentlicht wurde, antwortet auf den Einwand, dass der Flächenverbrauch von Bio-Tierhaltung größer sei als der von konventioneller, und was denn nun besser sei, wie folgt:

„Bei den Emissionen ist die Bio-Tierhaltung teils besser, teils schlechter als die Massentierhaltung. Besser ist sie im Bereich von Lachgasemissionen aus dem Kunstdüngereinsatz. Schlechter ist sie dadurch, dass die Tiere länger brauchen, um Gewicht zuzulegen und dadurch auch mehr Methan freisetzen. Und, ja, auch der Flächenverbrauch ist größer. Die Klimabilanz von Biofleisch ist letztlich auch nicht gut.“

und auf die Frage, was er nun empfehlen würde, sagt er:

„Wenn wir eine Gesamtbilanz aufstellen, die Welternährungssituation, Flächenverbrauch, Ökologie, Gesundheit und den Tierschutz einschließt, dann kann die Schlussfolgerung nur sein: Wir müssen weg von der Tierhaltung, hin zu einer effizienten Verwendung pflanzlicher Kalorien.“

Nähere Informationen über biologisch-veganen Landbau erhalten Sie in unserem Infopool. Hier erfahren Sie z.B. wie der Nährstoffkreislauf im bio-veganen Landbau (weitgehend) geschlossen wird (auch hier werden natürlich dem Kreislauf mit den Ernteprodukten Nährstoffe entzogen).
Auch die Forschungen und Versuchsreihen zum „vieh“losen Ökolandbau zeigen stetig Verbesserungen in den Anbaumethoden.
Bedenken Sie bitte auch, dass es bereits zahlreiche Bio-Betriebe gibt, die bio-vegan wirtschaften und ökologischen Anbauverbänden angeschlossen sind.
In England gibt es bereits einen eigenen Anbauverband für bio-vegane Betriebe, der vom Vegan Organic Network gegründet wurde. Graham Cole, Mitbegründer dieses Netzwerkes, zeigt in einem kurzen Film die Vorteile bio-veganer Landwirtschaft für die Natur, die Wildtiere, das Bodenleben und uns Menschen am Beispiel des Betriebes von Iain Tolhurst, der seit ca. 16 Jahren auf pflanzlicher Basis 70 Gemüsesorten anbaut:

Making the Connection Kapitel 5: Landwirtschaft

Wir hoffen, Sie werden bei Ihrer fünften These zumindest auf der Website Platz für eine breitere und faktentreue Darstellung des Sachverhalts finden. Oder vielleicht wäre das Thema „bio-veganer Landbau“ sogar ein interessantes Thema in einer der nächsten Ausgaben von „Wissen aktuell“?

Wie auch immer, wir denken, nicht ausreichend belegte Behauptungen passen nicht zu Ihrem qualitativ hochwertigen Sender.

Wir würden es begrüßen, wenn Sie in Zukunft bei ähnlichen Themen die gesamte Breite der Thematik berücksichtigen würden und freuen uns über Ihre Rückmeldung und eventuelle Rückfragen.

Mit besten Grüßen vom Bio-Veganen Netzwerk

Autor*in des Artikels: BVN

Das Bio-Vegane Netzwerk im deutschsprachigen Raum.

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7 Kommentare zu “Tierhaltung ist ökologisch nicht notwendig

  1. Der folgende Artikel fasst die Umweltauswirkungen nicht-veganer Lebensformen gut zusammen: http://www.vegan.eu/index.php/meldung-komplett/items/vegan_umwelt.html
    Auch die dort zusammengefasste Untersuchung zeigt:
    „Die umweltprotektiven Auswirkungen einer pflanzenbasierten Ernährung sind stärker als die des biologischen Landbaus, wenn der Gesamtprozess von Herstellung, Transport, Verteilung, Benutzung und Entsorgung berücksichtigt wird.“

  2. Gibt es irgendwelche wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema stockfree organic farming (in Bezug auf Ertrag, Bodenfruchtbarkeit, Flächenverbrauch, Wirtschaftlichkeit)?

    • @Daehyun
      Wenn du was findest, sag mir bitte Bescheid! In Fachzeitschriften veröffentlichte Artikel zum Thema sind mir noch nicht untergekommen. Ich empfehle das Buch von Jenny Hall und Iain Tolhurst „Growing Green“, das bisher leider nur auf Englisch erschienen ist. Dort finden sich viele Quellenangaben und eine gute Übersicht über stockfree organic farming. Basis sind allerdings meist Erfahrungen aus der Praxis – sehr interessant, aber kein wissenschaftlicher Direktvergleich.

    • Es gibt einige Forschungsmaterialien, bzw. Links dazu in unserem Infopool, die für bio-veganen Landbau relevant sind, sich aber meist auf „vieh“loses Wirtschaften beziehen – so auch die Broschüre von Harald Schmidt. Danke Seidentofu für den Hinweis.

  3. Pingback: Biolandwirtschaft: Geil auf Scheiße | Veganes Auge

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