3. Welche Nachteile seht ihr in der Bio-Landwirtschaft allgemein?

Print Friendly, PDF & Email

Der Bio-Sektor, der den größten Umsatz macht (in Österreich >90%) beliefert insbesondere Discounter und Supermärkte, ist keinen Anbauverbänden angeschlossen bzw. wirtschaftet ausschließlich nach der EU-Bio-Verordung und hat sich in den letzten Jahren immer mehr dem konventionellen Bereich angenähert. Agrarwissenschaftler_innen sprechen von der „Konventionalisierung“ des Biobereichs, der mit den ursprünglichen Idealen der Ökolandbaubewegung, die sich noch am ehesten in Nischenbereichen finden, nichts mehr zu tun hat. Vielmehr haben hier die Gesetzte des Marktes, Profitorientierung und Wachstumszwang Einzug gehalten.

Die EU-Bio-Verordnung gewährt großzügige Spielräume, die auch im Biobereich Massentierhaltung, Industrialisierung, Flurbereinigung, Monokulturen und Einheitssaatgut (statt Sortenvielfalt) ermöglichen. Die Vertragslandwirt_innen und Tierhalter_innen reizen unter dem Druck der Lebensmittelkonzerne diese Spielräume in der Regel bis an die Grenze zum Konventionellen aus. Denn für die Konzerne ist Bio nur ein umsatzsteigerndes Produktsortiment neben ihrer konventionellen Ware.
So verwundert es nicht, dass auch hier die Tendenz zum Einheitssaatgut (Hybridsaatgut) und Artenschwund geht. Sogar Monsanto-Saatgut kommt – mit Hilfe der EU-Bio-Regularien – zum Einsatz. In der Werbung hingegen wird mit alten regionalen Sorten geworben, obgleich sie einen verschwindend geringen Teil des tatsächlichen Angebots ausmachen. So verkauft sich EU-Bio besser.1

Was die Tierhaltung in der biologischen Landwirtschaft anbelangt, dominiert auch hier die Verbraucher_innentäuschung. Die Konsument_innen kaufen Bio-Tierprodukte gern in dem Glauben, die Tiere hätten ein gutes Leben (geführt). Ein Blick in die EU-Öko-Verordnung zeigt jedoch, dass den Tieren nur geringfügig mehr Platz zugestanden wird. Die Unterschiede finden sich weniger bei den Haltungsbedingungen als beim Futter, das zum Großteil von betriebseigenen Flächen stammen muss, und in Form strengerer Auflagen beim Medikamenteneinsatz – was nicht immer zum Vorteil der Tiere ist. Auch im Biosektor werden Nahrungsergänzungsmittel – unter anderem Vitamin B12 – ins Futter gemischt.

Nutztiere auf Wiesen unter freiem Himmel gibt es in der Werbung zuhauf. In der Wirklichkeit sind sie die Ausnahme.(Siehe hierzu auch Frage 7: Was passiert dann mit Wiesen und Weiden?)

Solange Tiere aus Profitinteresse gehalten werden, gibt es Massentierhaltung auch im Biobereich. So verwundert es nicht, dass sich der Gesundheitszustand der Bio-Tiere in einer Untersuchung nicht besser darstellte als der von Tieren konventioneller Betriebe.

Multiresistente Darmkeime finden sich auch auf Biogemüse (in einer Untersuchung bei fast 50% der untersuchten Proben), egal ob beim Discounter-Bio oder im Bioladen.3 Die Düngung mit keim-belastetem Mist/Gülle und Schlachtabfällen (Blut- / Knochen- / Hornmehl), der/die nach EU-Bio-Verordnung auch aus konventioneller (jedoch nicht aus industrieller) Tierhaltung stammen darf, birgt also weitreichende gesundheitliche Risiken.

Bei den Anbauverbänden (Bioland, Naturland u.a.) gibt es zumeist strengere Auflagen, die hier nicht im Einzelnen aufgeführt werden, da ihr Marktanteil gegenwärtig sehr gering ist (siehe hierzu auch Frage 6.: Reicht es denn nicht, die Tiere „artgerecht“ zu halten und den Konsum von Tierprodukten einzuschränken? Wofür gibt es sonst “Nutz”tiere?).
_______________________

1 Vgl. bis hierher Clemens Arvay: „Der Große Bioschmäh. Wie die Lebensmittelkonzerne uns an der Nase herumführen“ 2011.

2 Siehe hierzu die Webseite „Biowahrheit„: „Alles Bio, alles gut? Die Wahrheit über Biotiere“

3 Über die Untersuchung wurde berichtet in der Sendung Exclusiv im Ersten: „Wie billig kann Bio sein?“ am 03.09.2012.

 

Nächste Frage:
4. Welche Vorteile hat eine bio-vegane Landwirtschaft im Vergleich zur konventionellen?

Zurück zu den FAQ’s