6. Reicht es denn nicht, die Tiere „artgerecht“ zu halten und den Konsum von Tierprodukten einzuschränken? Wofür gibt es sonst „Nutz“tiere?

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Inhalt dieser Seite: Schein und WirklichkeitAlte „Nutz“tierrassenTierproduktion„Humanes Töten“ (Elektrobetäubung, Abschuss auf der Weide)Fragen, die sich jede_r stellen sollte

Schein und Wirklichkeit

Wenn Menschen Tiere für ihre Zwecke züchten, über ihre Lebensumstände bestimmen und wirtschaftlichen Interessen unterordnen, zieht dies in der Regel Verhaltensstörungen, Leid und gesundheitliche Probleme nach sich.

Artgerechte Haltung wird im Allgemeinen mit Öko-Tierhaltung assoziiert (neurdings vielleicht auch mit den Haltungsstandards, die mit dem irreführenden „Tierschutzlabel“ gekennzeichnet werden – mehr hierzu). Dass die tatsächlichen Haltungsbedingungen auch im Biobereich nicht dem entsprechen, was sich Menschen, die Tierprodukte konsumieren wollen, gern vorstellen, wurde in Frage 3 bereits besprochen. Auch bei den Anbauverbänden (Demeter, Bioland, Naturland und Co) gibt es viele Soll-Vorschriften in den Richtlinien, die keine kontrollierten Standards sind.1
Selbst kleinere Betriebe bieten nicht automatisch bessere Lebensumstände. Kleineren Höfen bleibt z.B. ab 2014 noch die tierquälerische Anbindehaltung erlaubt, während sie in Großbetrieben verboten werden soll. In Deutschland werden 1/3 der Bio-Milchkühe in Anbindehaltung gehalten.2 In Österreich sind es sogar mehr als 3/4 der Milchkühe. Selbst wenn Auslauf an 180 Tagen im Jahr vorgeschrieben sind, werden sie nur 1 bis maximal 2 Stunden vor den Stall gelassen, sind also sogar an den Auslauftagen die meiste Zeit in Ketten gelegt. Längere Aufenthalte – so fand Clemens Arvay heraus – seien problematisch, „da man dann ausreichendes Futtermanagement im Freibereich braucht.“3

Der idyllische Bauernhof, den sich die meisten wünschen, könnte als verallgemeinertes Modell die Menge an Tierprodukten, die gegenwärtig konsumiert, exportiert oder auch weggeschmissen werden auch gar nicht bedienen – schon allein aufgrund des höheren Flächenbedarfs nicht. In Deutschland entfallen 61% der landwirtschaftlich genutzten Flächen auf Futterflächen.4 Um mit diesem Flächenangebot mit ausschließlich extensiver Weidehaltung hinzukommen, wäre eine drastische Reduzierung des Konsums von Tierprodukten notwendig, die vermutlich durch ihren dann sehr hohen Preis nur einer privilegierten Oberschicht vorbehalten blieben. Auch Kurt Schmidinger kommt zu dem Schluss, dass Bio-Tierhaltung in mancher Hinsicht zwar besser, in anderer aber auch schlechter als in konventioneller Haltung ist, da Tiere, die extensiv auf Weideland gehalten werden nicht nur einen höheren Flächenverbrauch hätten, sondern auch langsamer wachsen und somit mehr Methan freisetzen würden.

Zudem verdrängt der schon jetzt enorm hohe Flächenverbrauch durch Nutztierhaltung die Wildtiere. Deren Biomasse macht auf unserem Planeten – bei den Wirbeltieren – nur unfassbare 3 % gegenüber 65 % bei den Nutztieren aus (32% entfallen auf uns Menschen).5

Demgegenüber würde eine rein pflanzliche Ernährung einen Großteil dieser Flächen für sinnvollere Nutzungen freigeben (siehe hierzu auch die nächste Frage).

Alte „Nutz“tierrassen

Diese Tiere finden sich insbesondere in der Öko-Tierhaltung, wo sie die Agro-
biodiversität erhöhen sollen. Das züchterische Engagement zum Erhalt oder zur Rückzucht alter „Nutz“tierrassen zielt dabei auf Robustheit, Anpassungsfähigkeit und Leistung (!) ab.6

Beweidungsprojekt in Naturschutzgebiet
Heckrinder sind ein mißlungener Versuch, den ausgerotteten Auerochsen rückzuzüchten. Zur Regulierug der Herdengröße und aus Vermarktungsinteresse werden vorwiegend männliche Jungtiere getötet.

Auch ethische Ansprüche werden seitens der Tierhaltungsbefür-worter_innen geltend gemacht.
Bei „Zweinutzungshühnern“ beispielsweise werden die männlichen Küken nicht wie – auch im Biobereich – üblich gleich nach dem Schlüpfen getötet (zermust oder vergast), sondern vor dem Schlachten erst noch gemästet. Was in den Medien regelmäßig verschwiegen wird: Zu diesem Zeitpunkt haben die Junghähne ihre Pubertät noch nicht einmal erreicht. Und obwohl sich die Haltung dieser Tiere schon aus wirtschaftlicher Sicht nicht allgemein durchsetzen wird – die meisten Bio-Hühner sind Hybridrassen, und auch an nicht selbst vermehrbaren Zweinutzungs“hybrid“-
hühnern arbeitet die Lohmann Tierzucht GmbH bereits – werden diese Tiere gern pressewirksam in Szene gesetzt, was bei vielen Verbraucher_innen die Illusion aufrecht erhält, Tierprodukte, wie Eier oder Hühnerfleisch aus Biohaltung seien leidfrei erzeugt und von Tieren, die ein langes Leben gehabt hätten.7

Tierproduktion – „Aber ohne Menschen gäbe es doch keine ‚Nutz’tiere“

Das Gegenteil tierrechtlichen Denkens spiegelt sich in der anthropozentrischen Sichtweise des tierhaltenden Moderators Dieter Moor in einem Interview in der Zeitschrift Schrot & Korn vom Oktober 2012 wieder:

D. Moor: Diese Macht, über Leben und Tod zu entscheiden, können wir uns nur anmaßen, weil es die Tiere ohne unsere Zucht ja gar nicht geben würde.“

Veganismus richtet sich grundsätzlich gegen die Tierproduktion für menschliche Zwecke, denn wirklich artgerecht ist nur die Freiheit.

Kein wild lebendes Tier würde sich auf engem Raum einsperren, Freigangzeiten oder Nahrungswahl vorschreiben lassen. Es würde sich seinen Aufenthaltsort, seine sozialen und sexuellen Beziehungen selbst aussuchen.8

In den Richtlinien des bio-veganen Landbaus nimmt daher der Naturschutz und die Förderung von Fauna und Flora eine wichtige Rolle ein. Geeignete Flächen, die nicht mehr für Tierfutter benötigt werden können u.a. den Wildtieren zurückgegeben werden.

„Humanes Töten“?

Ähnlich wie der Begriff „artgerecht“ die tatsächlichen Zustände in der Tierhaltung beschönigt, verschleiert die Wortkombination „humanes Töten“, was sich bei einer Schlachtung tatsächlich abspielt.

Wer meint Tiere könnten ein schönes Leben haben und „human“ geschlachtet werden, sollte sich nicht nur über die Lebensumstände informieren, sondern auch über die Schlachtmethoden. Zudem sollte er oder sie sich auch klar machen, dass „Nutz“tiere nur einen Bruchteil ihrer natürlichen Lebenserwartung9 erreichen.

Elektrobetäubung

Die bei „Nutz“tieren zumeist angewandte Elektrobetäubung wurde von zwei israelischen Wissenschaftlern mit der sogenannten Elektrokrampfherapie (EKT) beim Menschen verglichen, die epileptische Anfälle auslöst. Hier wie da nicht zu vermeidende Fehlbetäubungen, werden von einigen Patienten aus früherer Zeit als medizinische Folter beschrieben, die einer „Operation ohne Narkose“ gleich käme. In den frühen 1960er Jahren wurde diese Form der EKT daher weitgehend verboten. Den Autoren zufolge sei eine EKT heute nur noch unter Sedation und genereller Anästhesie akzeptabel „anderenfalls ist die Behandlung als grausam, unethisch und ungerechtfertigt Leiden verursachend anzusehen – ob bei Menschen oder Tieren.“10

Wenn (Bio-)Tiere direkt am Hof in Einzeltierschlachtung oder in einer der seltenen reinen Bio-Schlachtereien oder in kleineren Landschlachtereien getötet werden ist das Risiko einer Fehlbetäubung sogar noch größer11 – sicher entgegen der Vermutung derer, die „leidfreie Tierprodukte“ konsumieren wollen.

Abschuss auf der Weide

(Abschnitt ergänzt am 11. Juni 2013) ¹²

Das Töten durch Abschuss auf der Weide wird vergleichsweise selten praktiziert. Hier wird von den oftmals aus dem Bio-Bereich stammenden Tiernutzungsbefürworter_innen gern argumentiert, dass die Tiere weder den Transport zum Schlachthaus noch die Prozedur in den Todesstätten durchleiden müssten. Zumindest wird damit zugegeben, dass beides eine Qual bedeutet, die den Tieren nun erspart werden soll, indem sie per Kugelschuss aus ihrem Sozialverband gerissen werden.

Dabei bleiben menschliche Fehler durch den Schützen / die Schützin nicht aus. Nicht jede Kugel trifft so, dass die Tiere „stressarm“ sterben. Kommt es zu Ungenauigkeiten, ist der Tod in hohem Maße leidbesetzt. Fraglich bleibt dabei auch, wie die anderen Tiere der Herde den Verlust des Herdenmitglieds auffassen.

Kritisch anzumerken ist weiterhin, dass die Verbreitung dieser Tötungsform mit einer zunehmenden Bewaffnung bestimmter Bevölkerungsgruppen einhergeht. Dabei sei zu bedenken gegeben, was der Humanist Albert Schweitzer schrieb: „Für jeden, der sich einmal daran gewöhnt hat, das Leben irgendeines Lebewesens als lebensunwürdig anzusehen, besteht die Gefahr, dass er eines Tages auch zu dem Schluss kommt, menschliches Leben sei wertlos“. Wer kennt nicht diverse Berichte über aggressive Tierhalter_innen, die bereits mit der Faust oder einem Baseballschläger auf Kameraleute losgehen, die nur deren „Arbeit“ filmen wollen … .

Fragen, die sich unabhängig von der Haltungsform für jede_n stellen:

– Will ich, dass für meinen Gaumenkitzel Tiere getötet werden, die noch dazu sehr jung sterben würden? Ist es mir egal, dass sie unter oben beschriebenen Bedingungen getötet werden, also mit hohem Risiko einer Fehlbetäubung die grausamster Folter gleichkommt? Kann ich verantworten, dass das Tier während des Schlachtprozesses sein Bewusstsein wieder erlangt und seine eigene Verbrühung oder Zerstückelung miterlebt?

– Will ich, dass für meine Milchprodukte die Muttertiere ständig geschwängert werden – zumeist durch künstliche Besamung – und ihnen die Kinder, denen diese Milch naturgemäß zu stünde, weggenommen und (wenn männlich oder schwach) nach kurzer Zeit14 wie beschrieben getötet werden?

– Würde ich diese Tiere selbst aufziehen und dann vorzeitig umbringen, ausnehmen, häuten und zerstückeln können?

– Will ich ihnen jegliche Chance auf das Erreichen ihrer natürlichen Lebenserwartung nehmen?

– Will ich, dass für meine Ernährung, Kleidung und andere Konsumartikel an Tieren herumgezüchtet wird?

– Will ich, dass den Tieren zu meinem Vorteil ihr Recht auf freie Nahrungs- und Partnerwahl, auf selbst gewählte soziale Bindungen und Lebensräume, auf Freiheit und Unversehrtheit genommen wird?

… obwohl all das vollkommen unnötig ist?

Es ist so leicht vegan zu leben!

Kichererbsen-Gemüsbratling und Salat

Heute ist es leichter denn je,
vegan zu leben.

1 Näheres hierzu auf biowahrheit.de zum Thema: Bio-Anbauverbände: Da gibt es doch auch „Gute“?
2 Aus: BÖLW zur Frage „Wie werden die Tiere auf Bio-Betrieben gehalten?“

3 Clemens Arvay. Der große Bioschmäh. Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen. Wien 2012. S.114f.
4 laut Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Bärbel Höhn, Hans-Josef Fell, Cornelia Behm, Ulrike Höfken und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen – Drucksache 16/4930 – 14.05.2007 – Frage 41.
5 Siehe Grafik unter: WSPA: Eating our Future. The environmental impact of industrial animal agriculture. S. 7 (Livestock=Nutztiere).
6 Quelle: „Zuchtziele in der ökologischen Tierhaltung“ auf oekolandbau.de
. Die Seite wurde zwischenzeitlich leider entfernt.
7 Auf der Suche nach einem langen Leben
8 Mehr hierzu: Regenwurm Heft Nr.17: Das Schweigen der „Nutz“tiere. S. 8

9 Vegetarierbund Deutschland: Vergleich: Lebenserwartung von Tieren in Freiheit und ,,Nutztieren” (der Link war nur bis März 2016 aufrufbar).
10 Mitteilungsblatt Fleischforschung Kulmbach (2012) 51, Nr. 195 – Praxis-Informationen – Die Elektrobetäubung von Tieren im Lichte der Elektrokrampftherapie beim Menschen
11 Hierzu ein Artikel auf vegan.eu: „Ob konventionell oder bio: Fleischgewinnung bedeutet Tierleid“
12 Ausführlich hierzu auf vegan.eu: Abschuss auf der Weide: Eine tierfreundliche Alternative zum Schlachthof?
13 Quelle von peta.de: Mißbrauch von Tier und Mensch: Leidensgenossen
14 In der Bio-Tierhaltung ist es üblich männliche Küken gleich nach der Geburt zu töten – mit Ausnahme bei den seltenen Zweinutzungshühnern. Auch männliche Zicklein werden von dieser Praxis nicht verschont, da Ziegenkäse sehr beliebt ist, Ziegenfleisch aber kaum nachgefragt wird (s. hierzu unter dem Punkt: „Wo sind die männlichen Bio-Zicklein?“ – der Link wurde leider entfernt (Stand 7. Sept. 2016).

Nächste Frage:
7. Was passiert dann mit den Wiesen und Weiden?

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