Einheitliche Vegan-Definition: Interpretation für die Landwirtschaft

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Kartoffeln auf dem Acker

Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt hat vergangene Woche auf die Fortschritte im Prozess zur Schaffung einer einheitlichen, rechtsverbindlichen Definition für die Begriffe „vegan“ und „vegetarisch“ hingewiesen.

Bereits im April hatte die Verbraucherschutzminister-Konferenz ihre allgemeine Zustimmung zu einem einheitlichen Kriterienkatalog für vegane Lebensmittel und Speisen ausgedrückt, der in Kooperation mit der Lebensmittelwirtschaft und Vertreter*innen des VEBU (Vegetarierbund Deutschland e.V) entwickelt wurde. Weitere Details zu den Hintergründen finden Sie in diesem verlinkten Artikel.

Für den deutschen Markt gilt für vermeintlich vegane Lebensmittel und Speisen demnach in nicht zu ferner Zukunft, dass sie nur noch als solche ausgelobt werden dürfen, wenn sie der entsprechenden Definition für vegane Lebensmittel und Speisen entsprechen.

Darin heißt es z.B. im Wortlaut:

(1) Vegan sind Lebensmittel, die keine Erzeugnisse tierischen Ursprungs sind und bei denen auf allen Produktions- und Verarbeitungsstufen keine
– Zutaten (einschließlich Zusatzstoffe, Trägerstoffe, Aromen und Enzyme) oder
Verarbeitungshilfsstoffe oder
– Nicht-Lebensmittelzusatzstoffe, die auf dieselbe Weise und zu demselben Zweck wie Verarbeitungshilfsstoffe verwendet werden,
die tierischen Ursprungs sind, in verarbeiteter oder unverarbeiteter Form zugesetzt oder verwendet worden sind.

Eine solche Definition für den Begriff „vegan“ ist interessant, denn sie lässt Interpretationsspielraum offen, ob auch die landwirtschaftliche Rohproduktion in ihren Fokus fällt.

Relevant wäre daher zu klären, ob die landwirtschaftliche Rohproduktion eingeschlossen ist, wenn von „auf allen Produktions- und Verarbeitungsstufen“ die Rede ist. Immerhin sind Lebensmittel, also Obst, Gemüse, Getreide und alles andere, schon ab der Ernte ein Lebensmittel und nicht erst dann, wenn sie einen (industriellen) Verarbeitungsprozess durchlaufen haben.

[Edit 19.6.2016]: Da meint man als biologischer Gemüsegärtner, dass man es in der täglichen Arbeit mit Lebensmitteln zu tun hat, dabei sind sie es im rechtlichen Sinne nicht. Lebensmittel sind laut EU-Verordnung (EG) Nr. 178/2002:

… alle Stoffe oder Erzeugnisse, die dazu bestimmt sind oder von denen nach vernünftigem Ermessen erwartet werden kann, dass sie in verarbeitetem, teilweise verarbeitetem oder unverarbeitetem Zustand von Menschen aufgenommen werden (Artikel 2). […] Zu Lebensmitteln zählen auch Getränke, Kaugummi sowie alle Stoffe, einschließlich Wasser, die dem Lebensmittel bei seiner Herstellung oder Be- oder Verarbeitung absichtlich zugesetzt werden.

Selbige Verordnung schließt jedoch Pflanzen vor dem Ernten aus.

Das ist vermutlich nicht nur für den Autor dieser Zeilen ein Eingeständnis von Unwissen. Nun könnte man sagen, dass sich damit die ganze Sache geklärt hat und der Fall abgeschlossen werden kann. Die landwirtschaftliche Produktion ist außen vor und nicht Teil dieser Vegan-Definition. In diskursivem Sinne muß man diese rechtliche Grenzziehung jedoch nicht hinnehmen und sich über das formal Erreichbare freuen. Lebensmittel müssen nun mal angebaut werden, sie materialisieren sich nicht von selbst und speziell in der ökologischen Landwirtschaft wird die Art und Weise der Produktion als Prozess in den Vordergrund gestellt, die einem Lebensmittel seine spezifische Produktqualität liefert.

Zudem achten Veganer*innen auch bei Nicht-Lebensmitteln (Schuhen, Kosmetika, sogar Autos) auf vegane Produktqualität, warum sollte man sich also mit einer solch differenzierenden rechtlichen Grenzziehung zufrieden geben.

Ebenso stellt sich die Frage, ob pragmatisch gesehen, z.B. tierliche Düngemittel im weiteren Sinne wie Verarbeitungshilfsstoffe bewertet werden müssten, da sie im Produktionsprozess „verwendet“ werden. Wenn dem so wäre, wären tierlich gedüngte Anbaukulturen auch nach dieser Definition nicht vegan.

[Edit 19.6.2016]: Wir lernen, dass diese Frage nach der Lebensmittel-Definition der EU-Verordnung (EG) Nr. 178/2002 irrelevant ist.

In Abschnitt 3 heißt es zudem:

(3) Einer Auslobung als vegan oder vegetarisch stehen unbeabsichtigte Einträge von Erzeugnissen, die nicht den jeweiligen Anforderungen des Absatzes 1 oder 2 entsprechen, nicht entgegen, wenn und soweit diese auf allen Produktions- ,Verarbeitungs- und Vertriebsstufen trotz geeigneter Vorkehrungen bei Einhaltung der guten Herstellungspraxis technisch unvermeidbar sind.

Wieder ist hier von „allen“ Produktionsstufen die Rede, dies sollte also auch die landwirtschaftliche Rohproduktion einschließen.

Natürlich ist das Biologisch-Vegane Netzwerk der Ansicht, dass die Nutzung nicht-veganer Dünger und anderer nicht-veganer Produktionsmittel in der Landwirtschaft nicht in die Kategorie „unvermeidbar“ fällt, d.h. dass auch im Anbau eine kriteriengebundene, vegane Produktion eine gute Herstellungspraxis darstellt.

[Edit 19.6.2016]: Wir lernen auch hier, dass diese Frage nach der Lebensmittel-Definition der EU-Verordnung (EG) Nr. 178/2002 irrelevant ist.

Im Gesamtblick ist es also fraglich, ob diese Definition entweder revolutionär in Bezug auf die zukünftige vegane Rohwaren-Qualität verarbeiteter Lebensmittel sein könnte oder die Lebensmittelwirtschaft, die Politik und die Verbraucherverbände schlichtweg nicht an die Landwirtschaft als Lieferanten von Lebensmitteln gedacht haben und sie daher bei dieser Definition schlichtweg außen vor gelassen wurde.

[Edit 19.6.2016]: Genau letzteres ist der Fall, die Lebensmittelwirtschaft ist nicht gezwungen, sich Gedanken über die landwirtschaftliche Produktion zu machen.

So sehr begrüßenswert die erste Option wäre, so wahrscheinlich ist leider eher die letztere. In jedem Fall wird sich das Bio-Vegane Netzwerk weiterhin für eine vegane Definition von Lebensmitteln stark machen, die bereits ab Feld beginnt. Hierzu bieten wir nicht nur die Bio-Veganen Anbaurichtlinien als Diskussionsvorschlag an, sondern unterstützen aktuell einen biologischen Erzeugerverband bei der Adaptierung von veganen Anbaukriterien.

Insofern werden wir den VEBU und das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Justiz um eine konkretisierende Stellungnahme bitten, die wir auf unserer Webseite veröffentlichen werden.

[Edit 19.6.2016]: Fall abgeschlossen?

[Edit 24.06.2016]: Kilian Dreißig von Vegpool.de hat mir ein paar Fragen zur Thematik gestellt, hier meine Antworten.

Autor*in des Artikels: Daniel Mettke

Dipl. Ing. (FH) für Ökologische Landwirtschaft und seit ca 2003 aktiv im BVN. Ich bin aktiv für bio-veganen Anbau und blogge auf biovegan.org über Aktivitäten des BVN und nahestehende, landbaubezogene Themen.

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