Bucky Box organisiert (nicht nur) Gemüsekisten

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Bucky Box Manifesto

Bucky Box Manifesto (Quelle: www.buckybox.com)

Change the food system“, also Wandel unseres Ernährungssystems ist eine zentrale Forderung der kapitalismus-kritischen Bewegung für eine alternative Landwirtschaft. Aber wie setzt man diesen Wandel zur besseren Lebensmittelproduktion und -verteilung effektiv um? „Mit Logistik“, dachten sich ein paar junge Entwickler*innen und brachten die passende Software auf den Markt.

Denn eines wird deutlich, wenn wir uns am Samstag vormittag freiwillig durch einen Großsupermarkt unserer Wahl drängeln: hier läuft – abseits aller Ideale – alles wie am Schnürchen. Um das Konzept des LEH wirksam anzugreifen, bedarf es heutzutage ausgeklügelter Technologien um Verbraucher*innen dort abzuholen, wo sie im 21. Jahrhundert zu finden sind: immer häufiger zu Hause.

Funktionierende Logistik ist im Warengeschäft also das A und O und solange sich für alternative Verteilungsformen keine verlässlichen und funktionalen Lösungen anbieten, bleibt es für die Betreiber*innen von alternativen Geschäftsmodellen wie Abokiste, CSA, Solidarischer Landwirtschaft, Rezeptebox, Lebensmittelmanufaktur oder ähnlichem eine immense infrastrukturelle und risikoreiche Herausforderung. Passende Softwarelösungen sind für diese Strukturen entweder teuer, branchenspezifisch oder einfach nicht vorhanden.

Ein System, welches für genau solche Projekte entwickelt wurde, hat für kleine Produktivbetriebe das Zeug, genau diese Nische zu füllen. Sein Name ist Bucky Box.

Die Kiwi als Logo für Bucky Box

Neuseeländisch durch und durch – die Kiwi als Logo von Bucky Box  (Quelle: www.buckybox.com)

Die Software mit der Kiwi im Logo, eine neuseeländische Entwicklung, soll logistische Prozesse im Betrieb, wie Kundenkartei, Abo-Bestellung, Bezahlung und Auslieferung vereinfachen. Auch wenn Bucky Box originär für die Logistik von Abokisten-Betreibern konzipiert wurde, ist es in der Anwendung nicht auf dieses Geschäftsmodell, geschweige denn den Gemüsehandel festgelegt.

Der Name der für deutsche Ohren etwas bockig daher kommenden Cloud-Lösung wird in der Selbstdarstellung von dem Entwicklerteam nicht offiziell erklärt. Will Lau, CEO und Chef-Entwickler von Bucky Box erläutert aber im Interview (siehe unten), welches große Vorbild ihn bei der Namensgebung inspiriert hat.

Das Entwickler*innen-Team aus Wellington (Neuseeland/Aotearoa) startete 2011, unterstützt durch das Enspiral-Netzwerk, mit der Idee eine Logistikplattform zu schaffen aus der Erkenntnis, dass es bislang für Abokisten kein adäquates Verwaltungstool gab. So kam man dazu, kurzerhand selbst eine Software entwickeln, die die logistische Arbeit vereinfachen sollte: z.B. um mittels integriertem Webshop neue Abos anzunehmen, Lieferkisten kurzfristig zu ändern und den Kund*innen einfache Möglichkeiten der Individualisierung zu bieten, Lieferpausen in den Tourenplan einzuplanen, Packlisten zu erstellen, den Überblick bei der Zahlungsabwicklung zu behalten uvm (eine Funktionsschau bietet die Bucky Box Tour).

Die Struktur des Web Shops von Bucky Box ist einfach und übersichtlich gehalten.

Bei Bucky Box geht man davon aus, die durchschnittliche Arbeitszeit für diese Aufgaben von durchschnittlich 2 Arbeitstagen auf 2 Stunden pro Woche mit Hilfe ihrer Software zu reduzieren. Das gelingt mit einem optionalen Webstore als Frontend und einem passwortgeschützten Backend als Arbeitsoberfläche für Kundenkartei, Produktsortiment, Liefertour und Zahlungsabgleich. Mehr ist bislang nicht drin: Buckybox ist keine klassische Warenwirtschaft und besitzt kein Rechnungs- oder Buchhaltungsmodul. Hierfür muß weiter auf externe Anwendungen, für die Bucky Box Exportmöglichkeiten im CSV-Format anbietet, zurück gegriffen werden.

Bucky Box bietet schnelle Übersicht über Liefertouren-Pläne.

Seit 2012 gibt es nun eine public beta-Version als SaaS-Lösung von Bucky Box im in englischer Sprache im Netz. Gratis ist das für einen Kund*nnenstamm bis zu zehn Kund*innen, ab dem elften zahlt man einmalig pro neu akquiriertem Kunden z.B. im Festland-Europa 3,39 €. Wer seine betriebliche Wachstumsprognose schon vorausschauen kann, kann mit festgelegten pre-paid Stufen diesen Preis pro Kund*in nochmals reduzieren.

Im Juni 2014 gab Will Lau nun bekannt, dass man sich entschlossen habe, Bucky Box open-source zu machen, um sich selbst auf Kernpunkte zu konzentrieren und die Entwicklung (und Verbreitung) von Bucky Box in einem größeren Kreis in Gang zu bringen.

Welche neuen Perspektiven dies öffnet, erklärt Will Lau im E-Mail-Interview (vom 3.8.2014).

Chef-Entwickler Will Lau antwortete mir auf einige Fragen

Chef-Entwickler Will Lau nahm sich Zeit und antwortete mir auf einige Fragen (Quelle: www.buckybox.com)

Daniel Mettke: Woher kommt der Name „Bucky Box“ und was bedeutet er? Hat er eine referentielle Bedeutung?

Will Lau: Der Name huldigt Buckminster Fuller, jemand den ich zu der Zeit als ich das Projekt startete, sehr inspirierend fand. „Box“ kommt natürlich daher, dass wir damals konkret eine Softwareentwicklung für ein Gemüsekisten-System planten. Es war der Codename des Prototypen und wir blieben einfach dabei, als wir mit dem fertigen Produkt auf den Markt gingen.

DM: Wann wird Bucky Box als open-source Installer-Version z.B. auf Sourceforge.net oder Github verfügbar sein?

WL: Wir haben noch kein feststehendes Datum. Es gibt noch jede Menge Arbeit zu tun, um den eigentlichen Quellcode vom Superadmin- und Hosting-Code zu trennen. Auch müssen verschiedene andere Komponenten voneinander gelöst werden. Ein Beispiel: wir haben eine Echtzeitdatenbank mit Bankauszug-Formaten für Banken auf der ganzen Welt, die regelmäßig aktualisiert werden muss. Diese Komponente muss als neuer Webservice umgeschrieben werden. Was wir also bislang im Grunde nur öffentlich kundgetan haben, war unser Bekenntnis zu open-source. Nun hoffen wir auf Leute und Geld, um diese Arbeit zu erledigen, denn aktuell besteht unser Team nur aus zwei Vollzeit-Entwicklern.

DM: Auf welche Weise könnten lokale Nutzer-Gemeinschaften die open source Version von Bucky Box nutzen und es für ihre Zwecke modifizieren, z.B. durch Sprachlokalisierung und Plugins, um eigene Lösungen zu entwickeln?

WL: Eigentlich denken wir, dass die open-source Version von Bucky Box für große Projekte oder Unternehmen geeignet ist, die eigene Entwicklungsressourcen haben und Flexibiltät und Anpassung benötigen. Sie können unseren Code benutzen, um etwas eigenes darauf zu bauen, statt komplett von vorne anzufangen.

In der Praxis wäre eine Hostinglösung eher etwas für kleinere Gemeinschaftsprojekte, weil wir dort unsere Leistung viel günstiger anbieten können. Gleichwohl ist es dort sehr viel einfacher und schneller realisierbar eine Anpassung zu erhalten, indem man uns dafür bezahlt.

Über den Lauf der Zeit wollen wir aber zu einer Plugin-Architektur wechseln und hoffen, dass es Leute gibt, die nützliche Erweiterungen entwickeln.

Übrigens sind Sprachlokalisierungen schon verfügbar, den Rahmen dafür haben wir im Juli fertig gestellt. Wir können nun Übersetzungen von Bucky Box viel einfacher implementieren. Französisch ist schon verfügbar, Italienisch im Laufe des August und wir ergänzen jede weitere Sprache für jeden Nutzer, der Bucky Box für mindestens 100 Kunden bucht.

DM: Wenn deutsche Interessierte, also Web Agenturen, Entwickler*innen oder Unternehmen, sich an der Weiterentwicklung von Bucky Box beteiligen wollten, was müssten sie an Know-How mitbringen und seid Ihr in der Lage solche lokalen Netzwerke zu unterstützen?

WL: Entwickler müssen sich mit Ruby auskennen. Wir benötigen noch ein bisschen Arbeit, damit Bucky Box durch Web Designer angepasst werden kann, z.B. für die Anwendung in Web Stores. Interessierte Unternehmen sollen uns am besten direkt ansprechen, denn wir können Bucky Box mit bezahlter Arbeit sehr viel einfacher auf einen bestimmten Nutzen hin perfektionieren.

DM: Was sind, bezogen auf die Skalierbarkeit, die Erfahrungen Eurer Nutzer*innen? Wie groß ist der größte Kundenstamm den ein Kistensystem mit Bucky Box verwaltet?

WL: Bislang hatten wir keine Probleme mit Skalierbarkeit. Wir haben Geschäfte mit etwa 1000 Kunden in der Datenbank und 200-300 Lieferungen pro Woche. Ich hätte gerne mehr Unternehmen bei uns die noch größere Kundenstämme verwalten, aber es ist schwer in dieser Größenordnung solche zu finden, die sich noch nicht auf eine Eigenentwicklung festgelegt haben.

DM: Was wird sich an Eurem Geschäftskonzept durch den Wechsel von proprietär zu open-source ändern? Ist es richtig, dass Ihr Euch auf die Entwicklung der Kerneinheit von Bucky Box konzentrieren wollt und nebenbei Bucky Box als Cloud-Anwendung anbietet?

WL: Der größte Wandel besteht darin, dass wir damit ermöglichen, dass sich um Bucky Box eine Community, auch im ökonomischen Sinn, entwickelt. Lokale Lebensmittel-Versorgung ist ein komplexes Geflecht. Mit der Öffnung des Codes schaffen wir die Basis, dass die Entwicklung von Erweiterungen dieser Komplexität gerecht werden kann.

Wir hoffen, dass Unternehmen, die von unserer Anwendung erfahren, aber mehr Adaptionsmöglichkeiten benötigen, nun die Möglichkeiten dafür haben. Wir denken, es ist besser für sie, sich auf Bucky Box zu stützen, statt das Rad komplett neu zu erfinden. Selbst wenn wir daran nichts verdienen dient es dennoch der Gemeinschaft.

Aber ja, unser Unternehmen wird den Kern von Bucky Box weiter entwickeln, die Bucky Box Cloud betreiben und Plugins entwickeln, hosten und verkaufen.

Interessiert an der Nutzung und Weiterentwicklung von Bucky Box im deutschsprachigen Raum? Kontaktiere den Autor dieses Artikels.

 

Autor*in des Artikels: Daniel Mettke

Dipl. Ing. (FH) für Ökologische Landwirtschaft und seit ca 2003 aktiv im BVN. Ich bin aktiv für bio-veganen Anbau und blogge auf biovegan.org über Aktivitäten des BVN und nahestehende, landbaubezogene Themen.

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