Aktive Nährstoffmobilisierung

geschrieben von  am 
Print Friendly, PDF & Email

Der folgende Artikel erschien im „Regenwurm“-Heft Nr. 2:

Hilfe zur Selbstversorgung

„Düngen heißt, dem Boden entzogene Nährstoffe wieder ersetzen.“ Zu diesem Schluss kam Justus von Liebig 1865, indem er das Bilanzdenken aus der Buchhaltung auf die Landwirtschaft anwandte. Dieser Satz prägt bis heute die konventionelle Düngepraxis, wurde aber durch neuere Erkenntnisse überholt.

Foto_aktive_NaehrstoffmobilisierungDie Vorstellung nach der Mineralstofftheorie von Liebig sieht ungefähr so aus: Der Boden dient der Verankerung der Pflanzen und speichert die Nährstoffe – die Pflanzenwurzel saugt die verfügbaren Nährsalze aus dem Boden. Nach Abfuhr des Ertrages muss der Landwirt daher den Boden für die nächste Ernte wieder auffüllen (Düngung auf Entzug). Der Düngungsbedarf wird mit einer sorptions-chemischen Bodenuntersuchung ermittelt, wobei die Nährstoffe in verschiedene Bindungsformen (gelöst – austauschbar – nicht austauschbar) eingeteilt werden. Diese Einteilung beruht somit auf Labormethoden, wie z.B. dem Austausch mit Calciumacetat-Lactat (CAL), und nicht auf dem Verhalten der Pflanze.

Praxis versus Theorie

Aber mehr und mehr Versuchsergebnisse widersprachen dieser Auffassung. Trotz sehr geringer Werte an austauschbarem Kalium und Phosphat brachte Düngung auf Entzug keine Ertragssteigerungen, ja häufig sogar das Gegenteil. So wurde z.B. trotz des Entzuges von 500 kg Kalium/ha auf einem Rübenfeld eine Zunahme von 400 kg Kalium/ha gemesssen. Die Pflanzen mussten also über einen weiteren, sehr leistungsfähigen Mechanismus verfügen: die aktive Nährstoff-mobilisierung. Darunter versteht man die gezielte Freisetzung von Nährstoffen aus nicht austauschbaren Vorräten mittels spezifischer Ausscheidungen der Pflanzen oder von Mikroorganismen in ihrem Wurzelraum (Rhizosphäre). Die Pflanzen geben bis zu 20% des in der Photosynthese gebundenen Kohlenstoffes in den Boden ab. Damit zersetzt die Pflanze Glimmer und Feldspäte im Schluff-anteil des Bodens und setzt Kalium und andere Nährstoffe frei.
Weiters lockt sie Mikroorganismen in ihren Wurzelbereich und füttert sie. Diese setzen ihrerseits Nährstoffe aus den Mineralien frei. Die Pflanzen scheiden genau jene Verbindungen aus, die für die Freisetzung der jeweils benötigten Elemente (direkt oder über Mikroorganismen) nötig sind. In günstigen Fällen kann die aktive Nährstoffmobilisierung mehr liefern als durch die Ernte entzogen wird. In solchen Fällen führt eine weitere Düngung zu Ertragseinbußen.

Vitalität ist Trumpf

Die aktive Nährstoffmobilisierung muss also in Bodenbilanzierungen berücksichtigt werden. Aber wie kann man sie als Bauer abschätzen? Grundsätzlich gilt, dass die Mobilisierung umso höher ist,
– je höher der Gehalt an leicht verwitterbaren Mineralien (Biotiten) im Boden ist
– je besser die Durchlüftung des Bodens ist
– je neutraler der pH-Wert ist
– je besser die Licht-, Wärme und Wasserverhältnisse für Pflanze und Mikroorganismen sind
– je besser die Stickstoffversorgung ist und
– je besser die Wurzelbildung der Pflanze stattfinden kann.

Ein Zuviel an Stickstoff kann aber die Vergesellschaftung mit Rhizosphären-organismen hemmen. Die Messung von Kalium vor und nach der Ernte kann als Indikator dienen, wie stark die Mobilisierung war, d.h. wie gut sich die Pflanze Nährstoffe wie Phosphor und Spurenelemente wie Magnesium und Eisen verfügbar machen konnte. In den obersten 20 cm der Ackerkrume gibt es bis zu 50-mal mehr Phosphat als in allen Lagerstätten der Erde zusammen. Demnach ist die Verwendung von Lagerstättenvorräten kein nachhaltiger Weg, die Vorrräte sollten für extrem arme Böden reserviert werden. Wird die Landwirtschaft wie ein Organismus betrachtet, besteht die Aufgabe darin, der Pflanze die Bedingungen zu schaffen, die sie für eine optimale Selbstversorgung mit Nährstoffen benötigt.

Quelle:
Edwin Scheller: Wissenschaftliche Grundlagen zum Verständnis der Düngungspraxis im ökologischen Landbau – Aktive Nährstoffmobilisierung und ihre Rahmenbedingungen, Eigenverlag, Dipperz, 1993

Dieser Artikel erschien im „Regenwurm“-Heft Nr. 2 auf Seite 4 im Jahr 2000. Das ganze Heft könnt ihr hier herunterladen.

Autor*in des Artikels: Regenwurm Hefte

Das Bio-Vegane Netzwerk hat von Ende der 90er Jahre bis Ende 2005 den „Regenwurm – Die Zeitschrift für Bio- und Vegan-Interessierte“ herausgegeben. Auf biovegan.org/ werden wir den ein oder anderen Artikel daraus veröffentlichen. Außerdem werden wir nach und nach alle Hefte als PDF zum Download anbieten.

Mehr über

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.